Angststörungen und Chronische Schmerzen - die Verbindung

Unser Denken hat enormen Einfluß darüber, wie der Einzelne Schmerz und Angst erlebt, ob sich Konditionen chronisieren, zu Störungen werden oder nur vorübergehende Episoden bleiben. Diese Aussage, daß Schmerz und Angst im Gehirn ausgelöst werden, wird von vielen Betroffenen als Anklage empfunden, als würden sie sich und anderen etwas vormachen. Tatsächlich sind Schmerz und Angst mit all ihren krankmachenden Symptomen so real wie eine Blinddarmentzündung. Das Gehirn produziert den Notfall.


Inhalt dieses Blogbeitrags:


Fast jeder Fünfte in Deutschland leidet unter chronischen Schmerzen

Fast jeder Fünfte in Deutschland leidet unter chronischen Schmerzen und die Pharmaindustrie hat es schon erkannt: die Gebiete chronischer Schmerz und Angststörungen im weitesten Sinn, die Schlafstörungen einbeziehend, überschneiden sich, und vielfach können die gleichen Medikamenten eingesetzt werden.


Statistik: Wer chronische Schmerzen hat wird oft mit Antidepressiver behandelt.

So, wer chronische Schmerzen hat, wird oft mit Antidepressiva behandelt und Antikonvulsiva (Mittel gegen Krampfanfälle, etwa bei Epilepsie) werden eingesetzt für chronische Neuropathien, aber auch für Angststörungen und Drogenentzug. In Deutschland und nicht nur hier, werden immer mehr Antidepressiva verschrieben. Zwischen 2008 - 2017 allein stiegen die Verordnungen um über 50%. So wurden im Jahr 2016 1467 Millionen Tagesdosen Antidepressiva verordnet. Inzwischen sind selbst die medizinischen Experten besorgt und verlangen, daß etwa ambulante Psychotherapieangebote ausgebaut werden sollen. (Statista Matthias Janson 21.01.2019)

Schmerz und Angst manifestieren sich sowohl körperliche, als auch emotionell. Physische und psychische Gesundheit beruhen auf Faktoren aus unserer Biologie, unserer Psychologie, und unserem sozialen Umfeld. Genetisches Erbe, Persönlichkeit, Familie, Beruf, in diesem Dreieck entscheidet sich, wie wir Angst und Schmerzen empfinden und wie wir mit ihnen umgehen. Aber, nichts ist vorhersagbar oder vorherbestimmt. Menschen die mit denkbar ungünstigen Bedingungen kämpfen, können trotzdem hervorragend mit Angst und Schmerz umgehen, Menschen, die eigentlich die besten Voraussetzungen haben, finden sich in der Falle von chronischen Schmerzen, Panikattacken und GAD. Unsere Fähigkeit, mit dem Leben zurechtzukommen, hängt nicht nur von den biologischen, sozialen und psychischen Gegebenheiten ab, sondern auch von Erlebnissen, Erfahrungen und wie aktiv wir diese gestalten und verarbeiten. Aber, eine Erfahrung ist noch kein Muster, auch wenn es zunächst so aussieht. Menschen von denen wir denken, daß wir sie kennen, reagieren plötzlich ganz anders als erwartet, das Muster wird durchbrochen. Das Leben ist vielfältiger als jedes Muster und Veränderung ist jederzeit möglich. Kein Wunder, daß Schmerz und Angst sehr individuell wahrgenommen werden.



Wo der Schmerz entsteht

Für etwa 40% aller Schmerzpatienten, Medikation, Operationen und Physiotherapie können nicht verhindern, daß diese Patienten unter chronischen Schmerzen leiden. (The Pain Free Mindset Dr Deepak Ravindran (Times 02.03.21 Seite 9 John Naish article)). Warum? In einem neuen Buch, Dr Deepak Ravindran, Leiter der Schmerz Medizin, im Royal Berkshire Healthcare Foundation Trust, Reading, UK, kommt zu dem Schluß, daß die Medizin noch immer dem Modell der Trennung von Geist und Körper verhaftet ist, das besagt, daß Schmerz im Körper stattfindet und dort behandelt werden muß. Wer kennt nicht die Anzeigen für Schmerzsalben, die damit werben, daß Schmerz genau dort bekämpft wird wo er entsteht, am Knie, im Rücken?


Unser Gesundheitssystem trennt immer noch Geist und Körper

Unser gesamtes Gesundheitssystem basiert auf einem Modell des Menschen, der Körper und Geist trennt, getreu der Philosphie des René Descartes. Descartes war begeistert von der Entwicklung der ersten Automaten im 17 Jahrhundert und verkündete den Dualismus zwischen dem Körper, einem Automaten gleich und dem Geist, der das rationale Denken ermöglicht. Der Gedanke vom Körper als Maschine wurde gerade in der Medizin sehr einflussreich und bis heute ist die moderne Medizin oft überfordert, wenn es zur Behandlung von Angststörungen und chronischen Schmerzen kommt.


Der Trend zum bio-psyho-sozialen Modell

Glücklicherweise gibt es eine Bewegung hin zu einem bio-psycho-sozialen Modell, das für Angst, chronische Schmerzen und Depressionen die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen physischen, emotionalen und Lebensumweltfaktoren zu berücksichtigen sucht.



Schmerz entsteht im Gerhirn

Inzwischen zeigen MRI Scanner, daß Schmerz tatsächlich im Gehirn entsteht. Wenn der Schmerz chronisch wird, produziert das Gehirn das Schmerzsignal, lange nachdem die Verletzung oder Krankheit die den Alarm ausgelöst hat abgeklungen ist. Die Rezeptoren im Gehirn werden überstimuliert und fahren fort, die Verletzung weiter zu evaluieren, einzuschätzen, wie diese Verletzung Ihr Leben beeinflussen kann: Sport, Arbeit, Kinderversorgung. Dieser Prozess läuft auch ab, wenn es sich dabei um eine vermutete, keine reale Verletzung handeln. Wird die Gefahr als groß eingeschätzt, schützt Ihr Gehirn Sie vor weiteren Schäden: Ihre Laune sinkt, die Bewegungslust verschwindet, Sie schonen sich.

Dr Ravindran umreißt wie besondere sensorische Rezeptoren (Nozizeptoren) die sich im gesamten Körper befinden, mit der Ausnahme von Leber und Gehirn, Signale über tatsächliche oder mögliche Gewebeschäden an das Gehirn senden. Diese Signale werden in verschiedenen Bereichen des Gehirns empfangen, die für Gedächtnis, Emotionen , Angst, Sorgen und das logische Denken zuständig sind. Hier, im Gehirn, wird die Entscheidung getroffen, ob tatsächlich Gefahr besteht und wenn ja, Schmerz entsteht. Schmerz ist ein Sinnes- und Gefühlserlebnis, designiert uns von der Quelle des Schmerzes wegzubewegen und ein Gedächtnis anzulegen, daß uns auch in Zukunft vor dieser Situation schützt - eine Art mentaler elektrischer Zaun, rund um den Hund, der uns gebissen hat oder den heißen Kaffeebecher an dem wir uns gerade verbrannt haben.


Schmerzen können durch Stress, Angst und psychische Leiden ausgelöst werden

Da der Schmerz im Gehirn entsteht und sowohl Emotion, als auch Sinneserlebnis ist, kann er auch durch Emotionen wie Stress, Angst und psychische Leiden ausgelöst werden. In dieser Verbindung kann Schmerz unabhängig von einer körperlichen Ursache entstehen und es braucht weder Entzündung noch Verletzung um Schmerzen im Rücken, im Nacken oder im Magen zu fühlen. Am Anfang chronischer Schmerzen steht oft ein Trauma. Dabei ist es wichtig im Auge zu behalten, daß Trauma auch durch eine Akkumulation alltäglicher Lasten entstehen kann, wenn man vielleicht im falschen Beruf ist, gemobbt wird oder von familiären Verpflichtungen etwa in der Pflege, überlastet wird. Chronischer Stress und Angststörungen aktivieren den Schutzmechanismus des Gehirns und machen dieses Alarmsystem überempfindlich und so kommt es zu Panikattacken und / oder chronischem Schmerz selbst bei einem Anlaß, der von außen betrachtet geringfügig erscheinen kann.

In seinem Buch vergleicht Dr Ravindran das Verhältnis von Schmerz und chronischem Schmerz zu dem von Angst und PTSD: für das Gehirn bleibt die Gefahr bestehen und wird wieder und wieder durchlebt.


Ob chronische Schmerzen oder Angststörungen, die Idee, daß diese Dinge sich im Gehirn abspielen, wird oft als Beleidigung empfunden. Es kann nicht genug betont werden, daß die empfundenen Schmerzen, wie auch die Angstsymptome, nicht weniger real sind als eine gebrochenes Bein.

Um chronischen Schmerz zu mildern, arbeitet Dr Ravindran genau mit den Dingen, die auch für Menschen mit Angststörungen und Panikattacken immer wieder empfohlen werden: Stressmanagement, gesunde Diät, Bewegung, ausreichend Schlaf und Achtsamkeitsübungen.



Angststörungen und Schmerz sind Zwillinge

Wer jemals eine Panikattacke durchgemacht oder mit GAD lebt weiß, daß es sich um einen Schmerz handelt: körperlich und mental. Der Kreislauf von verstärkter Muskelspannung, flachem Atem und der daraus folgenden Selbstverstärkung der gefühlten Angst, des gefühlten Schmerzes ist derselbe. Für beide Konditionen ist es üblich, daß es lange braucht um zu einer Diagnose zu kommen und Behandlungen oft wenig erfolgreich sind.


Unbehandelte Angst und Stress kann sich zu chronischen Konditionen auswachsen

Inzwischen gehört es zum Alltagswissen, daß Stress etwa Rückenschmerzen auslösen kann, aber weniger Menschen realisieren, daß, unbehandelt, Angst und Schmerzen sich zu chronischen Konditionen auswachsen und reale körperliche Schäden und Krankheiten auslösen können. Und so unerfreulich die Erfahrung ist: Schmerz und Angst sind Gefahrensignale, die uns warnen, daß wir im Begriff sind, größeren Schaden zu erleiden. Angst und Schmerz sind Schutzmechanismen. Wird die Ursache nicht behandelt, können Symptome sich kurzzeitig verbessern, nur für Schmerz und Angst an anderer Stelle wieder zu erscheinen.


Schmerz und Angst sind sehr individuelle Erfahrungen, schlecht zu beschreiben und führen oft zum Gefühl des Unverstandenseins, der Einsamkeit. Jeder kennt nur den eigenen Schmerz, die eigene Angst. Gleichzeitig existiert der Druck, vorzugeben, daß alles gut ist. Die Phrase “alles gut” wird zur Krücke, die ich zum ersten mal hinterfragt habe, als sich ein Mann an der Supermarktkasse einfach vorn angestellt hat, sich umdreht und mit frechem Lächeln zu den Wartenden sagt “Alles gut.” Niemand wußte darauf etwas zu erwidern.


Schmerz und Angst ändern unser Selbstbild, bekommen Teil unser Persönlichkeit und wir fangen an die Symptome zu erwarten. Die Erwartung formt die Manifestation der Panikattacke oder der Schmerzen: unsere Laune, die Situation, unsere Strategien im Umgang mit Schmerz und Angst , alles beeinflußt wie diese empfunden werden.


Wir bekommen, was wir erwarten

Erwartungen spielen eine entscheidende Rolle in der Entstehung von chronischen Schmerzen. Eine Studie von Wissenschaftlern am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) 2020 kommt hier zu interessanten Ergebnissen. (Schmerz – Wenn es wehtut, Verena Müller Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften idw-online.de)


Schmerz wird immer unterschiedlich empfunden

Schmerz, fast immer ein unangenehmes Erlebnis, hat sensorische und emotionale Komponenten. Daher wird Schmerz nicht immer gleich empfunden. Ein Stromschlag etwa wird von verschiedenen Personen unterschiedlich wahrgenommen und auf der Schmerzskala verortet.


Warum wir Schmerz immer unterschiedlich wahrgenommen?

Wie wir den Schmerz empfinden, hängt dabei stark von unseren Erwartungen ab. Die Parallele mit Angststörungen, bei der ein Kreislauf entsteht, die Angst vor der Angst, weil wir bereits erwarten und vorhersehen, daß bestimmte Situationen eine Panikattacke auslösen, ist offensichtlich. Die Erwartungen können bewusst oder unbewusst sein, aber die Auswirkung besteht in einer Auslösung oder Verstärkung von Signalen, die in Schmerzen oder Panikattacken enden. Unsere Wahrnehmung der Außenwelt ist nicht passiv, sondern geschieht im ständigen Austausch, sie wird informiert von unseren Erfahrungen und damit verbundenen Erwartungen.

Das Team am Max-Planck-Institut untersuchte den Zusammenhang zwischen Erwartung und Schmerz, um bessere Therapien für chronischen Schmerz zu entwickeln, falsche Erwartungen zu re-programmieren. Dies ist im Grunde, was etwa in der Hypnotherapie für Angststörungen angeboten wird.


Studie des Max Planck Instituts über die Rolle der Angst in der Schmerztherapie

Auch die Studie am Max-Planck-Institut beschäftigte sich mit der Rolle der Angst in der Schmerztherapie. Schmerzpatienten “wissen” daß es wehtut, wenn sie bestimmte Bewegungen ausführen und erwarten und fürchten, daß es schlimmer wird. Angst vor Kontrollverlust steht im Vordergrund. Früher wurde solchen Menschen geraten, sich nicht zu bewegen, sogar Bettruhe, wurde verordnet. Heute weiß man, daß Bewegung das beste Heilmittel ist. Um den Kreislauf zwischen der Angst vor Bewegung und einer Verschlimmerung der Schmerzen zu brechen, muß bei der Angst angesetzt werden. Das Institut hat eine spezielle Art der Übung verbunden mit Musik, die durch die eigenen Bewegungen erzeugt wird Jymmin genannt, entwickelt. Der Erfolg dieser Übungen beruht unter anderem darauf, daß Patienten sich wieder in Kontrolle fühlen.

Ebenso wie Angststörungen und Panikattacken, Schmerzen finden auch auf einer emotionalen Ebene statt. So fand das Team des Max-Planck-Institutes, daß Emotionen wie Ärger das Leiden intensivieren können. Besonders unterdrückte Emotionen kehren oft in Angststörungen oder chronische Schmerzen zurück. Angststörungen und chronische Schmerzen sind Leiden, die selbst den Alltag der Betroffenen einschränken.

Und doch haben Schmerz und Angst auch Verbindungen zu Lust und Vergnügen. Ob wir superscharfes Thailändisches Essen, daß uns die Tränen in die Augen jagt bestellen, oder unter Lebensgefahr Mount Everest besteigen, wir suchen nach den Emotionen und probieren sie aus . Es gibt uns das Gefühl etwas erreicht und überstanden zu haben, ohne zu Schaden gekommen zu sein. Der Körper produziert in solchen Situationen Cannabis ähnliche Moleküle, die Schmerzen reduzieren und Euphorie auslösen.


Unser Denken hat enormen Einfluß darüber, wie der Einzelne Schmerz und Angst erlebt, ob sich Konditionen chronisieren, zu Störungen werden oder nur vorübergehende Episoden bleiben. Diese Aussage, daß Schmerz und Angst im Gehirn ausgelöst werden, wird von vielen Betroffenen als Anklage empfunden, als würden sie sich und anderen etwas vormachen. Tatsächlich sind Schmerz und Angst mit all ihren krankmachenden Symptomen so real wie eine Blinddarmentzündung. Das Gehirn produziert den Notfall.


Schmerz und Angst wirken sich auch direkt auf unsere Denkfähigkeit aus: Vergesslichkeit und mangelnde Konzentration gehören bei beiden dazu.


 


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